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Provenienzforschung

Eigentum verpflichtet – deshalb gibt es seit 2014 im Kunstmuseum Stuttgart die Provenienzforschung. Sie untersucht die Herkunftsgeschichte und Eigentümerwechsel von Kunstwerken der Sammlung und prüft, ob sich darunter NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter befinden. Das Fernziel ist, alle im Zeitraum von 1933 bis 1945 und seit 1945 erworbenen Kunstwerke zu überprüfen. Unter Berücksichtigung aller in der Sammlung vertretenen Gattungen sind das mehrere tausend Kunstwerke. Seit 2017 wird zugleich auch die Institutionen- und Sammlungsgeschichte der Städtischen Galerie Stuttgart bzw. ab 1961 der Galerie der Stadt Stuttgart – den Vorläufern des Kunstmuseums Stuttgart – erforscht.

Dr. Kai Artinger

Provenienzforschung
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Fünf Landschaftsbilder im Fokus

Das Kunstmuseum Stuttgart sieht sich den Zielen der Washington Principles von 1998 und der Gemeinsamen Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz, vom Dezember 1999 verpflichtet.

Dank der finanziellen Sicherung zunächst über die Arbeitsstelle für Provenienzforschung, dann mit Hilfe der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste konnte vom 1. Juli 2014 bis zum 30. Juni 2017 das erste Provenienzforschungsprojekt erfolgreich durchgeführt werden. Dieses Projekt widmete sich vornehmlich den Gemälden von Otto Dix und einem Teil der Gemälde aus dem Erwerbungszeitraum von 1933 bis 1945.

Das Provenienzforschungsprojekt wird seit 2017 mit der finanziellen Unterstützung der Stadt Stuttgart fortgesetzt. Im Zuge dessen wurde ein weiterer großer Teil Gemälde untersucht. Im Februar 2020 begann die Erforschung der im Nationalsozialismus aufgebauten grafischen Sammlung der Städtischen Galerie Stuttgart. Die Provenienzforschung auf diesem Gebiet ist äußerst schwierig: Es gibt fast keine Quellen zur Erwerbung der in diesem Zeitraum angekauften Grafiken, die Inventarliste und viele andere wichtige Dokumente verbrannten im Krieg.

Das Kunstmuseum Stuttgart ist ein relativ junges Museum (seit 2005), doch seine Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte ist komplex und kompliziert. Die Geschichte seiner Vorläuferinstitutionen und vor allem die Geschichte der städtischen Sammlung im Nationalsozialismus blieben bislang weitgehend unbeleuchtet. Kai Artinger hat im Rahmen seiner Tätigkeit als Provenienzforscher am Kunstmuseum Stuttgart diese Forschungslücke für die Gemäldesammlung geschlossen und umfassend die Entwicklungsgeschichte der Städtischen Galerie und ihrer Gemäldesammlung aufgedeckt und dargestellt – nachzulesen im 2020 erschienen Band »Das Kunstmuseum Stuttgart im Nationalsozialismus. Der Traum vom Museum ›schwäbischer‹ Kunst«.

Ergebnisse der Provenienzforschung und Restitutionen

Meldungen in der Lost Art-Datenbank

42 Objekte hat das Kunstmuseum Stuttgart derzeit als Fundmeldungen in die Lost Art-Datenbank des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste eingestellt – darunter ein Frühwerk des niederländischen Landschaftsmalers Meindert Hobbema (1638–1709) und ein Historienbild eines unbekannten niederländischen Malers, das bis vor kurzem Philip van Dijk (1683–1753) zugeschrieben wurde. Beide Gemälde gehörten zu den teuersten Nachkriegserwerbungen; sie wurden von der Stadt für 400.000 Reichsmark von einem Kunsthändler gekauft, der im Verdacht steht, am NS-Kulturraub beteiligt gewesen zu sein.

Restitutionsfall Max Rosenfeld

Max Rosenfeld (1867–1943) war ein jüdischer Tabakhändler und Kunstsammler in Stuttgart. Vor dem Ersten Weltkrieg war seine Jugendstilvilla bekannt. Wegen seines Todes im niederländischen Durchgangs- und Konzentrationslager Westerbork, der Zerstörung seiner Villa im Zweiten Weltkrieg sowie der Verdrängung des Genozids an den Juden in der deutschen Nachkriegsgesellschaft gerieten sein Schicksal und das seiner Familie in Vergessenheit. 

Um 1937/38 kamen 23 Grafiken des Künstlers Carlos Grethe (1864-1913) aus der Kunstsammlung Rosenfeld in den Besitz der Stadt Stuttgart. Unter welchen Umständen die Stadt die Grafiken erwarb, ist unbekannt: Indizien weisen auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug hin.

Rosenfelds jüngerer Sohn Paul Georg (1906–1988) emigrierte Anfang Dezember 1938 mit seiner Familie über die Niederlande in die USA. Max Rosenfeld floh im August 1939 nach Amsterdam, wo er bis zu seiner Deportation nach Westerbork im Februar 1943 wohnte.

Das Kunstmuseum Stuttgart und die Stadt Stuttgart entschieden 2022, das Grethe-Grafikkonvolut und ein kleines Porträtgemälde, das Max Rosenfeld zeigt, an seine Erben, die in den USA leben, zurückzugeben. Das geschieht anlässlich der Eröffnung der Ausstellung »Grafik für die Diktatur. Die Geburt der Grafiksammlung des Kunstmuseums Stuttgart im Nationalsozialismus« Anfang November 2024. In der Ausstellung werden auch alle 23 Grafiken gezeigt.

Ein aktueller Beitrag von SWR Aktuell hierzu finden sie hier.

Die rätselhafte Herkunft des ›doppelten Dix‹

Otto Dix’ »Selbstbildnis als Soldat« (verso: »Selbstbildnis mit Artilleriehelm«, 1914) gehört zu den bedeutendsten Werken der Dix-Sammlung des Kunstmuseums Stuttgart. Die Provenienz war bis Juli 2021 nicht eindeutig geklärt. Neue Erkenntnisse belegen, dass dieses Werk von der jungen österreichischen Sekretärin Paula Risch (1897–1999) erworben wurde – unter indes rätselhaften Umständen. Auch dass sich auf der Rückseite ein zweites Selbstbildnis befindet, war ihr nicht bewusst. Dabei hatte das Gemälde jahrzehntelang in ihrem Haus gehangen.

Kai Artinger: Das Geheimnis der kunstliebenden Österreicherin Paula Risch. Die rätselhafte Herkunft des ›doppelten Dix‹, in: Kunstgeschichte. Open Peer Reviewed Journal, 2022.

Der Restitutionsfall Käthe Loewenthal

Das »Spargelstillleben« (1941) von Käthe Loewenthal (1878–1942) wurde 1972 von der Städtischen Galerie Stuttgart erworben. Forschungen haben ergeben, dass das Gemälde NS-verfolgungsbedingt entzogen wurde. Loewenthal wurde im NS-Regime mit einem Arbeitsverbot belegt und schließlich 1942 deportiert und ermordet. Die Erben von Käthe Loewenthal entschieden 2019, dass das Gemälde in der Sammlung des Kunstmuseums Stuttgart verbleiben soll. Im Rahmen einer gerechten und fairen Lösung stiftete die Erbengemeinschaft der Stadt Stuttgart das Kunstwerk. Mit der Schenkung verpflichtet sich das Museum, die Erinnerung an die Künstlerin wachzuhalten. Im Rahmen der Ausstellung »Das Kunstmuseum Stuttgart im Nationalsozialismus. Der Traum vom Museum ›schwäbischer‹ Kunst« (1. Februar bis 1. November 2020) wurde das Bild ausgestellt, seine Provenienz dargelegt und mit Dokumenten an Leben und Werk der Stuttgarter Künstlerin erinnert.

Der rätselhafte van Dijk im Kunstmuseum Stuttgart

Am 16. Juni 1948 kaufte die Stadt Stuttgart von dem Kunsthändler Dr. Erwin Sieger zwei alte niederländische Gemälde für die exorbitante Summe von 400.000 Reichsmark. Es handelt sich um eine Landschaft von Meindert Hobbema und eine vermeintliche Darstellung von Jakob und Rebekka am Brunnen, die Philip van Dijk zugeschrieben wurde. Es wurden keine Echtheitsgutachten eingeholt und dem Kunsthändler Sieger blind vertraut, obwohl er von der amerikanischen Militärregierung 1945 interniert worden war und Gemälde seiner Kunstsammlung restituiert wurden. Die Untersuchung der beiden Kunstwerke ergab, dass der van Dijk eine Nachbildung ist und die Autorschaft hinterfragt werden muss. Außerdem ist die Provenienz sehr bedenklich. Vor diesem Hintergrund stellen sich Fragen: War der extrem hohe Preis damals gerechtfertigt? Wie sind Wert und Bedeutung der Gemälde heute zu bewerten? Warum kam es zu der Erwerbung? 

Kai Artinger: Der rätselhafte van Dijk im Kunstmuseum Stuttgart. Über einen spektakulären Gemäldeankauf der Stadt Stuttgart 1948 und ein Fall für die Provenienzforschung, in: Kunstgeschichte. Open Peer Reviewed Journal, 2020.

Der Restitutionsfall Babette Marx

Das von Bernhard Pankok gemalte Porträt »Grete Marx« (1915) gehörte der jüdischen Unternehmerwitwe Babette Marx (1865–1942) aus Stuttgart-Bad Cannstatt. Sie hatte vier Kinder: die drei Söhne Leopold, Julius und Alfred sowie die Tochter Grete. Babette Marx starb im Konzentrationslager Theresienstadt, die Kinder überlebten den Holocaust. Das Unternehmen Marx wurde unmittelbar nach der ›Machtergreifung‹ der Nationalsozialisten in der Hetzschrift »Deutscher kaufe nicht beim Juden!« gelistet und 1938 ›arisiert‹. Nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 wurden Alfred und Leopold Marx sowie weitere Familienmitglieder für kurze Zeit im KZ Dachau inhaftiert. Das Gemälde wurde 2019 an die heute in Israel und den USA lebenden Erben restituiert und von diesen zurückgekauft.

Ein Fall ›kriegsbedingten‹ Entzugs: Margarete Depners »Die Sinkende«

Die Marmorplastik »Die Sinkende« (1933) der deutsch-rumänischen Malerin und Bildhauerin Margarete Depner (1885–1970) wurde 1942 auf der 1. Wanderausstellung »Deutsche Künstler aus Rumänien« angekauft – die Künstlerin erhielt aber nie Geld. Bereits in der Nachkriegszeit warf die Provenienz Fragen auf, weil unklar war, ob die Stadt das Werk jemals bezahlt hatte. Die Erforschung der Herkunft im Rahmen der aktuellen Provenienzforschung ergab, dass dies tatsächlich nicht geschehen war. Den Fall Depner könnte man als einen ›NS-kriegsbedingten‹ Entzug von Kulturgut bezeichnen. Das Kunstmuseum Stuttgart und die Stadt Stuttgart entschieden 2019, den Erben der Künstlerin das Honorar nachträglich zu erstatten.

Erforschung der Museums-, Sammlungs- und Objektgeschichte

Fritz Nuss‘ »Der erste Schritt« (1941) im Standesamt Mitte Stuttgart

Im Standesamt Mitte steht die Bronze „Der erste Schritt“ von Fritz Nuss (1907–1999), einem der bekanntesten südwestdeutschen Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Das Werk wurde 1942 auf der »Großen Deutschen Kunstausstellung« im »Haus der Deutschen Kunst« in München gezeigt. Die Stadt Stuttgart erwarb es 1950.
Nuss passte sich als Künstler an das faschistische Regime an, wurde NSDAP-Mitglied und arbeitete sehr erfolgreich nicht nur als Künstler, sondern auch als Kunstfunktionär im »Dritten Reich«. Der NS-Staat verlieh ihm Aufträge, den Professorentitel und erwarb Werke.
Weil »Der erste Schritt« zur Plastik im Nationalsozialismus gehört, wird nun mit einer Info-Tafel über die Biografie des Bildhauers im »Dritten Reich« und die Entstehungsgeschichte seines Bildwerks informiert. Die bisherige Präsentation wurde dem historischen Kontext und Forschungsstand über die Kunst im Nationalsozialismus nicht gerecht. Der QR-Code auf der Tafel verlinkt mit einem digitalen Raum des Kunstmuseums Stuttgart / Sammlung Online, der weitere ausführliche Informationen über Nuss, seine Plastik und die Entstehungsgeschichte der Plastiksammlung des Kunstmuseums Stuttgart im Nationalsozialismus bietet.

Die unbekannte Seite des Stuttgarter Bildhauers Josef Zeitler (1871–1958): Forschungen über seine NS-Propagandaplastik »In Polen brummt ein wilder Bär« (1939)

Das Kunstmuseum Stuttgart untersuchte jüngst die Geschichte der Anfänge seiner Skulpturensammlung. Deren Aufbau betrieben die Nationalsozialisten vor dem Hintergrund der Gründung des städtischen Kunstmuseums Stuttgart. Das alte Inventar der Plastiken verbrannte bei der Zerstörung des Kunstschutzlagers der Stadt Stuttgart kurz vor Ende des Krieges. Dabei wurden auch Skulpturen vernichtet, unter anderen vom Bildhauer Josef Zeitler. Weil sich nur sehr wenige Dokumente erhalten haben, ist es schwierig, die Entstehung des Skulpturenbestands und seine Zusammensetzung vollständig zu rekonstruieren. Bei der Erforschung des Bestands wurde nun erstmals eine sehr ungewöhnliche NS-Plastik Josef Zeitlers untersucht, über die bis vor kurzem nichts bekannt war, außer dass sie von der Stadt Stuttgart für ein Projekt mit dem Titel »Zeitgeschichte 1981« vom Württenbergischen Kunstverein Stuttgart (WKV) angekauft und später in die Skulpturensammlung des Kunstmuseum Stuttgart integriert wurde. Die mit dem Titel »Kriegsplastik« inventarisierte Skulptur ist ein Beispiel für NS-Propagandakunst und das einzige Werk dieser Art, die das Kunstmuseum Stuttgart besitzt. Warum das Museum sie annahm, obwohl sie seitdem nie ausgestellt wurde, und warum der WKV bis 1981 in seinem Kunstbesitz NS-Propagandakunst aufbewahrte, sind nur einige der Fragen, auf die der Kunsthistoriker und Provenienzforscher Kai Artinger in einem Aufsatz Antworten zu geben versucht. Dazu gehört auch, warum ein Stuttgarter Künstler nach dem deutschen Überfall auf Polen vom 1. September 1939 eine dreidimensionale Karikatur auf die besiegte Nation anfertigte – eine Plastik, die einzigartig in der Kunst im Dritten Reich zu sein scheint, weil ihr derzeit nichts Vergleichbares zur Seite gestellt werden kann.

Kai Artinger: In Polen brummt ein wilder Bär (1939). Die merkwürdige NS-Plastik des Stuttgarter Bildhauers Josef Zeitler, in: Kunstgeschichte. Open Peer Reviewed Journal, 2023.

Furcht im Dritten Reich. Hermann Sohns »Die schwarzen Männer« (1934) und die Widerstandsfrage

Das Gemälde »Die schwarzen Männer« (1934) des württembergischen Malers Hermann Sohn (1895–1971) gehört zu den rätselhaften und außerhalb Südwestdeutschlands unbekannten Beiträgen der deutschen Kunst im Dritten Reich. Der Künstler hielt es jahrzehntelang versteckt. Bei seiner Ausstellung im Jahr 1985 wurde es zur ›Inkunabel schwäbischer Widerstandsmalerei‹ und zu einem ›der ganz wenigen wirklich antifaschistischen Bilder jener Zeit‹ erklärt. Allerdings hatte Sohn 1933 noch das Gemälde »Deutsches Turnfest 1933« hergestellt, auf dem er die große NS-Propagandaveranstaltung in Stuttgart festhielt. Dieses Bild fand den Gefallen der Machthaber der Stadt, sie kauften es im Dezember 1934 für die städtische Galerie Stuttgart an. 1935 erschien die ›Fibel für die Volksschulen Württembergs‹, ein von den Machthabern der NS-Regierung neu herausgegebenes Lesebuch, an dem Sohn als Illustrator mitarbeitete. Ein Jahr später bewarb er sich für einen Lehrauftrag an der gleichgeschalteten Kunstakademie Stuttgart, allerdings erfolglos. Angesichts der Widersprüche und Ambivalenzen in Sohns Leben und Werk erhebt sich die Frage, wie »Die schwarzen Männer« zu deuten sind.

Kai Artinger: Furcht im Dritten Reich. Hermann Sohns ›Die schwarzen Männer‹ (1934) und die Widerstandsfrage, in: Kunstgeschichte. Open Peer Reviewed Journal, 2020.